Beklemmend lustig, beängstigend realistisch und feinsinnig roh

Am 21.08.16 hatte ich die Gelegenheit die erste Voraufführung von Benjamin Lauterbachs „Hinter der Mauer ist das Glück“ unter der Regie von Murat Yeginer im Theater Kontraste zu besuchen. Nach der mich restlos begeisternden Vorstellung von „MUTTI“, die ich hier besprochen habe, ging ich mit recht hohen Erwartungen ins Theater.

Zum Stück schreibt das Theater Kontraste selbst:

Hier ist sie, die typische deutsche Familie in nicht allzu ferner Zukunft: Sie ist gesund, gut und glücklich. Sie lebt in einem sauberen, naturfreundlichen Deutschland, einem überglücklichen Ökosystem. Die Kinder sind strebsam, die Mutter kümmert sich um das Essen, der Vater dient dem Staat. Es gibt kein Plastik mehr, keinen Müll, keine strahlenabsondernden Smartphones, nur Powerfood aus der Region, und alle haben sich schrecklich lieb.

Diese Familie ist privilegiert, denn sie lebt hinter der Mauer des Glücks. „Früher, als noch alle Menschen zu uns nach Deutschland kommen durften, war das manchmal sehr schwierig mit den ‚Besuchern’“, erzählt der Vater seinen Kindern, denn damals „haben diese Menschen gar nichts von uns lernen wollen.“ Wie gut, dass die Regierung dafür sorgte, dass die Deutschen wieder ganz und gar unter sich bleiben können.

Jetzt aber kommt eine Besucherin, die von den Deutschen lernen will. Frau Ting, eine Chinesin, wurde von ihrem Land beauftragt, das Geheimnis des großen deutschen Glücks zu erforschen. Sie soll für einige Zeit bei der Familie wohnen und sie beobachten. Doch schon ihre Gastgeschenke aus dem fernen China versetzen die supergesunde Familie in Aufruhr: Puppen und Autos aus Plastik, ein staubsaugender Roboter, deftige Speisen und Kleider aus Polypropylen. Die Kinder haben diese Dinge noch nie gesehen und entwickeln schnell Begehrlichkeiten. Ganz und gar ungesunde Begehrlichkeiten, finden die Eltern. Und erstaunlich rasch beginnt die Mauer bröckeln…

Quelle: www.komoedie-hamburg.de

Der von Autor Benjamin Lauterbach skizzierte in der Zukunft herrschende Ökofaschismus erinnert in seinen Auswüchsen an die ideellen Vorstellungen des Nationalsozialismus oder der DDR – allerdings ohne das laut auszusprechen. Mit Fortschreiten der Geschichte verbreitet sich im Publikum mehr und mehr Unbehagen, das sich in lautem und manchmal fast schon hysterischem Lachen äußert.

Die Schauspieler auf der Bühne machen ihre Sache fantastisch, werden aber allesamt von der genialen Rabea Lübbe überstrahlt. Ihre fesselnde Darstellung der Mutter ist umwerfend. In ihrer erlernten Liebe zur Familie, Regelkonformität, Vaterlandstreue und Unsicherheit im Umgang mit dem Fremden wirkt sie einerseits verletzlich und liebenswert, andererseits aber auch stark und abstoßend. Den aufsteigenden Wahnsinn begleitet Lübbe mit immer größer werdenden Gesten und Lautstärkenunterschieden. In einer Szene lässt sie aus ihren Untiefen ein Rumoren verlautbaren, dass es einem Angst und Biberbange wird. So etwas habe ich auf einer Bühne noch nie gehört. Allein dafür ist es wert das Eintrittsgeld zu zahlen.

Der Trailer auf dem Youtube-Kanal des Theater Kontraste vermittelt leider kaum etwas von der wachsenden Gefahr, die das Stück im Verlauf ausstrahlt und skizziert nur wage welches Konfliktpotenzial von Anfang an unter der Oberfläche schwelt. Es ist aber auch schwierig ein so intensives Theatererlebnis in einem kurzen Werbefilm darzustellen. Wer ihn sich aber dennoch ansehen möchte, klickt bitte hier.

Allen, die sich jetzt für den Besuch entschieden haben, sage ich ein: „Viel Vergnügen!“ Allen, die sich dagegen entschieden haben, sage ich nur: „Ihr verpasst was!“

 

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