Der Anfang war hitverdächtig …

Es ist bestimmt nicht einfach ein Musical zu schreiben, das auf Pornographie reagiert, verschiedenen Meinungen dafür und dagegen eine Stimme geben soll und dabei beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel Beachtung findet. Jason Holt und This Mynther ist das zu Anfang gelungen, doch dann verzetteln sie sich in der schweren Bedeutsamkeit, ohne die das moderne deutsche Theater anscheinend nicht mehr auskommt.

Vor Beginn der Vorstellung wird man am P1 vorbei auf einen Hinterhof geleitet, wo man in den Fenstern die Darsteller Daniel Chelminiak, Sven Saim, Jill Marie Emerson, Fee R. Kuerten, This Mynther und Emma Stenger sich wie Prostituerte anpreisen sieht. Es schallt laut basslastige House-Musik aus einem Ghettoblaster und es herrscht bei den Zuschauern eine gewisse Unsicherheit über das folgende Geschehen.

Wechsel 1: Man wird in das P1 gelassen. Der Raum ist zweigeteilt. Der Teil, in den das Publikum zu Anfang geführt wird, erinnert in seiner Gestaltung an eine Mischung aus einem Wartebereich am Gate eines Flughafens und einem Laufsteg der Show einer angesagten Modelinie bei der Berliner Fashionweek. Man sitzt etwas ratlos auf den Stühlen und plötzlich spricht jemand. Die Schauspieler sitzen zwischen den Zuschauern und erzählen über ihre eigenen Erfahrungen mit Pornographie – alles übrigens auf Englisch. Es herrscht eine Stimmung wie bei einer Selbsthilfegruppe. Die Erzählenden scheuen nicht Augenkontakt aufzunehmen und diesen lange zu halten. Interessant zu sehen ist, dass nicht jedem diese direkte Ansprache behagt. Außerdem ist man sich unsicher darüber, ob man lachen darf, was sich bei manchen in einem pubertären Kichern äußert. Die Darsteller gehen immer wieder durch die Reihen und wechseln die Plätze. Wenn einzelne Figuren vorgestellt werden, geschieht dies von allen gleichzeitig, indem sie alle den selben Text in ihrer eigenen Manier vortragen. Als Zuhörer wird man dadurch gezwungen sich auf einen Sprecher zu konzentrieren, wodurch ein einseitiges Zwiegespräch entsteht und man miteinander vertrauter wird. Text und Ausführung dieses Teils sind fantastisch!

Wechsel 2: Es geht in den anderen Teil von P1. Hier ist eine Tribüne, auf der Sich das Publikum seinen Platz sucht. Davor ist eine Bühne, deren Boden mit einer Collage aus Szenenfotos verschiedener Pornos bedeckt ist. Die Schauspieler verteilen sich auf der Bühne und es geht weiter. Es wird die Geschichte des Films „The Devil in Miss Jones“ Szene für Szene erzählt. Von Zeit zu Zeit werden Hintergrundinformationen zur Produktion des Streifens eingestreut. Die Dramaturgische Gestaltung dieses Teils ist gut nachvollziehbar und bisweilen erfrischend ungewöhnlich. Bis hier hin hat das Stück das Potential für einen internationalen Hit.

Wechsel 3: Das Publikum wird im Kreis auf die Bühne gesetzt. Es folgt jetzt quasi eine Informationsveranstaltung zum Thema Pornographie. Es werden Statistiken vorgetragen und unterschiedlichste Meinungen, die durch ein Loop-Gerät immer wieder wiederholt werden, in Mikrophone gesprochen. Es hat den Anschein, dass den Machern bis hier hin das Stück „zu leicht“ geraten ist. Es muss jetzt noch mit deutscher Bedeutsamkeit gearbeitet werden, weil es sonst seine kulturelle Relevanz verlieren könnte.

Leider verliert „I know it when I see it“ im letzten Teil seinen roten Faden und ich fange an mich zu langweilen. Es ist schade, dass das volle Potential nicht ausgeschöpft wurde, aber es war allemal wert sich dem Stück ausgesetzt zu haben.

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