Ein gutes Stück …

Ich war verwirrt! Als ich mich am 1. Juli auf meinen Platz in der Komischen Oper Berlin setzte, musste ich feststellen, dass ich nur 75% der Bühne sehen konnte; und das nachdem ich nachmittags beim Kartenkauf darauf hingewiesen wurde lieber eine Preiskategorie höher zu nehmen, weil sonst mit Sichteinschränkungen zu rechnen sei. Da stellt sich für mich die Frage, was für die Komische Oper eine Sichteinschränkung ist, wenn die fehlende Sicht auf ein Viertel der Bühne nicht dazu gehört. Das aber nur am Rande…

An diesem Abend lief die vorletzte Vorstellung von „My Fair Lady“ inszeniert von Andreas Homoki. Die Inszenierung war so behäbig, ideenarm und inkonsequent, dass ich über die Begeisterung des Publikums wirklich verwundert war. Während der Ouvertüre wurde nach Öffnen des Vorhangs ein riesiges Grammophon sichtbar. Ein anderer Vorhang schloss sich und öffnete sich wieder und an Stelle des großen Grammophons stand nun ein kleineres. Der Herr neben mir kommentierte dies trocken mit „Zauberei!“. Solche seltsamen und sinnlosen Momente wurden nur von ziellosen, nicht enden wollenden Massenszenen und langweiligen Choreographien – ausgeführt von dafür überqualifizierten Tänzern -übertroffen.

Max Hopp als Professor Higgins dagegen war der Lichtblick des Abends. Er spielte den arroganten aber von der Welt an sich überforderten Chauvinisten so vielschichtig, dass man ihn gleichzeitig bei der Hand nehmen und zwischen die Beine treten mochte. Einzig und allein Susanne Häusler als Mrs Higgins war eine würdige Gegenspielerin und konnte neben ihm bestehen.

Die Hauptdarstellerin Winnie Böwe in der Rolle des Blumenmädchens Eliza Doolittle, das zu einer Dame der Gesellschaft umerzogen wird, war gleichermaßen laut wie farblos und unnatürlich. Dennoch hat sie ein gutes Gespür für das richtige Timing und platzierte ihre Pointen dementsprechend gekonnt. Doch leider kaufte ich ihr das unbeholfene junge Ding von der Straße, das sich erst langsam in den gehobenen Kreisen zu bewegen weiß, nicht ab.

Letztendlich ist zu bemerken, dass die Komische Oper Berlin ein Opernhaus ist und dass das Musical eben doch ein eigenes Genre mit eigenen Ansprüchen ist. Solche Inszenierungen wie die von Frederick Loewes „My Fair Lady“ tragen leider nichts zur Wertschätzung des Musicals in Deutschland bei, sodass es wohl noch lange Zeit dauern wird bis es als künstlerisch wertvoll erachtet wird.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Frank Wesner sagt:

    Dieser Meinung kann ich nur zustimmen. „Solche seltsamen und sinnlosen…“
    Ja, aber auch ich bin verwundert, dass das Publikum so schnell von Effekten, die mit dem Stück nichts zu tun haben, so schnell zu begeistern sind.
    Bekommt ein Publikum die Inszenierungen, die es verdient?

    Gefällt 1 Person

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