Die erste Träne fiel mit dem ersten Ton

Am Abend des 4. Dezembers 2015 wurde ein lange gehegter Traum wahr und ich durfte im Großen Saal der Hamburger Laeiszhalle „Il Giardino Armonico“ im Konzert erleben. Dieses fantastische Barockorchester spielte mit der Sopranistin Anna Prohaska ein Programm mit dem Titel „Dido & Cleopatra“ und begeisterte das Publikum restlos.


„Il Giardino Armonico“ wurde 1985 gegründet und schwang sich bald zu einer weltweiten Größe der Barockmusik und damit auch der Historischen Aufführungspraxis auf. Die atemberaubende Kraft und die erstaunliche Präzision ist legendär. Es war also nicht verwunderlich, dass die Laeiszhalle an diesem Abend sehr gut besucht war. Nur vereinzelt konnte man freie Plätze finden und obwohl dies ein Abonnementkonzert war, lag eine gewisse Spannung und freudige Aufregung des Publikums in der Luft. Jeder erwartete einen besonderen Abend.

Als wir unsere Plätze im 1. Rang links einnahmen, war ich etwas in Sorge, dass mir das Geländer die Sicht auf die Solistin und den Dirigenten versperren würde. Gut, wenn ich mich entspannt in meinen Sitz fallen gelassen hätte, wäre dies auch so gewesen. Wenn man sich allerdings auf den vorderen Rand der Sitzfläche setzte und sich ein wenig nach vorne lehnte, sah man sehr gut. Dieser Umstand bewirkte um uns herum eine besondere Spannung. Jeder reckte sich am Anfang in die beste Position um das Geschehen auf der Bühne zu beobachten. Nur die wenigsten Zuhörer entspannten während des Konzert. Es herrschte auf dem 1. Rang links eine besondere Atmosphäre, die der dargebotenen Kunst würdig war.

Das Konzert wurde von Henry Purcells Ouvertüre zu „Dido and Aeneas“ aus dem Jahr 1689. Der erste Ton, den die Musiker aus ihren Instrumenten lockten, ließ mir die Tränen in die Augen schießen. Es war als ob durch diesen ersten Klang die Last des Alltags vollkommen von meinen Schultern genommen wurde.

Während des ersten Teils des Konzerts ließ das Orchester keine Zeit für Applaus zwischen den Stücken. Keiner wagte sich zu bewegen und so flogen wie im Rausch Arien, Rezitative und Instrumentalsätze von Henry Purcell, Christoph Graupner, Antonio Sartorio, Matthew Locke und Daniele da Castrovillari an einem vorbei. Jedes Stück war für sich ein Meisterwerk und man war versucht es mit Goethes Faust zu sagen: „Verweile doch! du bist so schön!“

Anna Prohaska überzeugte mit ihrer gesanglichen Interpretation der verschiedenen Stimmungen auf ganzer Linie. Man glaubte ihr jede Wendung in der Koloratur, jede dynamische Nuance und jedes exakt eingesetzte Vibrato. Es war eine reine Freude ihr zuzuhören.

Mein absolutes Highlight war allerdings die „Passacaglia“ von Luigi Rossi, die Michele Pasotti auf der Theorie darbot. Er füllte den großen Saal der Laeiszhalle mit spielerischer Leichtigkeit und beendete sein Solo mit einem ewig anscheinenden Diminuendo, das scheinbar im Nirgendwo enden sollte. Aus dieser spannungsgeladenen Stille führte das Orchester mit einem furiosen Crescendo in „Oft she visits“, der Arie der Second Woman aus Purcells „Dido and Aeneas“.

Beendet wurde das Konzert mit der Rezitativ und Arie der Dido „Thy hand, Belinda – When I am laid“ aus der selben Oper.

„When I am laid in Earth may my wrongs create

No trouble in thy breast.

Remember me, but ah! forget my fate.“

Zu Deutsch:

„Wenn ich in der Erde liege, mögen meine Verfehlungen

Dir keinen Kummer bereiten.

Gedenke mein, doch ach! vergiss mein Schicksal.“

Mit diesen Worten glätteten „Il Giardino Armonico“ und Anna Prohaska die Wogen eines spannenden und aufregenden Abends, der mit einem zwei Zugaben fordernden Applaus beschlossen wurde.

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