Konzerthaus Berlin: Kammermusik-Matinee

Nachdem ich die drei Stockwerke zum Kleinen Saal im Konzerthaus Berlin erklommen habe, musste ich zur Galerie noch eine Treppe weiter. Aber was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. Von meinem Platz aus hatte ich diesen Blick:

Ich konnte der Pianistin Anna Kirichenko direkt auf die Hände sehen … oder besser gesagt: auf die Hand! Auf dem Programm standen nämlich ausschließlich Werke aus dem Repertoire für und von Paul Wittgenstein. Das bedeutet sie werden vom Pianisten nur mit einer Hand und zwar der linken ausgeführt. Es versprach ein spannendes Konzert zu werden, bei dem es sich lohnt der Pianistin über die Schulter zu schauen.

Zu Anfang erklingt das Klavierquartett in A-Dur von Hans Gál aus dem Jahr 1926, das mit seinen 4 Sätzen einfach zum Träumen schön ist. Darauf folgt die Suite für zwei Violinen, Violoncello und Klavier (linke Hand) op. 23 von Erich Wolfgang Korngold. Damit tritt man bei mir als bekennenden Korngold-Fan natürlich offene Türen ein. Als ich mal das Vergnügen hatte in „Die tote Stadt“ die Mandolinenstelle spielen zu dürfen, habe ich mich in seine Musik verliebt. Diese wunderbare Mischung aus Wiener Klassik, Romantik und Wiener Kaffeehaus-Musik ist einfach genial. So ist auch diese Suite wieder eine Offenbarung. Einem barock geprägtem Präludium folgen ein etwas verschrobener Walzer und eine Groteske, die ihren Namen mehr als verdient hat. Ein fantastisches Stück Musik von den Ausführenden brillant vorgetragen.

Der vierte Satz mit dem einfachen Titel „Lied“ ließ mich vor Neid erblassen. Wenn man sich selbst in der Kunst des Komponierens versucht, ist ein solches Stück, das durch seine Einfachheit in allen Farben der musikalischen Schönheit glänzt, ein Schlag vor den Bug. Allerdings lässt man sich diesen Schlag gerne gefallen! Zum Abschluss der Suite massakriert Korngold in einem „Rondo – Finale (Variation)“ noch ein Thema, das an ein Volkslied erinnert, wenn es nicht sogar ein Volkslied ist. Einfach wunderbar!

Beide Werke zusammen kamen jeweils auf etwa auf 30 Minuten Spielzeit. Da dem Konzert eine Einführung voranging und es auch eine Umbaupause gab, kam die erste Hälfte bereits auf knapp 90 Minuten. Man hat sich also nach Korngolds Massaker wirklich eine Pause verdient. Zeit genug, um sich den Saal anzusehen.

Ein Traum in seiner Farbgebung … man bemerke die Ironie! 😉 Leider verdeckt moderne Technik manch „schönes“ Kunstwerk mehr oder minder erfolgreich.

Allerdings bin ich wirklich ein Fan von diesen Kronleuchtern, aber wer hat denn schon die dafür nötige Deckenhöhe?

Ah, es geht weiter! Das Licht wird gedimmt und plötzlich hört man etwas elefantöses hinter der Bühne auftreten. Was war das? Leider werden wir es nicht erfahren, auch wenn wir es ab jetzt vor jedem Auftritt und jedem Werk hören. Anscheinend treten sich die Musiker Mut zu. Klingt komisch, ist aber die einzige Erklärung, die mir einfällt.

Der zweite Teil beginnt mit Werken für Klavier alleine. Zuerst spielt Anna Kirichenko „Toccata und Fuge für Klavier (linke Hand) op. 56 von Jenö Takács. Der sprachlich ungebildete Mitteleuropäer wie ich fragt sich nun: Wie spricht man den zum Teufel richtig aus? Sein gespieltes Werk stellt einen wiederum vor eine weitere Frage: Warum hat Wittgenstein dieses Stück ungespielt an den Komponisten zurückgeschickt? Es ist meiner Meinung nach wunderbar und ich bin wirklich froh es kennengelernt zu haben.

Alexander Skrjabins „Prélude cis-Moll und Nocturne Des-Dur op. 9“ war der nächste Programmpunkt. Hochromantisch zum Träumen schön, aber für mich jeweils um ein paar Wendungen zu lang. Skrjabin mochte sich wohl einfach nicht von diesen musikalischen Gedanken verabschieden. Ich kann es verstehen! Wenn ich solche Gedanken hätte, würde ich ihnen auch auf ewig nachhängen. Es wäre das genialste, was mir kompositorisch je einfallen würde.

Zum Ende des Konzerts erklangen Satz 3 bis 5 des Klavierquintetts G-Dur von Franz Schmidt. Wer ist jetzt Franz Schmidt? Diese Frage stellt man sich meines Erachtens zu Recht. Das Werk hätte nicht nur gekürzt, sondern komplett gestrichen werden sollen. Es ist nichtssagend und im Kontext dieser Matinee vollkommen überflüssig.

Alles in Allem war es aber ein hörenswertes Konzert und ich war froh es gehört zu haben. Dennoch sollte kein Konzert fast 3 Stunden dauern. Kirichenko, die ihre rechte Hand fast komplett ausgeschaltet hatte, war ein besonderes visuelles Erlebnis. Der Arm hing einfach bewegungslos herab. Nur wenn sie blätterte bemühte sie ihre rechte Hand. Dies führte dazu, dass ich bei jeder Blätterstelle innerlich erschrak, weil ich die Existens ihres beweglichen rechten Armes zwischenzeitlich komplett vergaß. Vor solch einer Körperbeherrschung kann ich nur den Hut ziehen.

Vielen Dank Frau Kirichenko für dieses Erlebnis!

flowsinn

Programm

  • Hans Gál (1890-1987) – Klavierquartett A-Dur (1926)
  • Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) – Suite für zwei Violinen, Violoncello und Klavier (linke Hand) op. 23
  • Jenö Takács (1902-2005) – Toccata und Fuge fürKlavier (linke Hand) op. 56
  • Alexander Skrjabin (1872-1915) – Prélude cis-Moll und Nocturne Des-Dur für Klavier (linke Hand) op. 9
  • Franz Schmidt (1874-1939) – Klavierquintett G-Dur

Ausführende

  • Thomas Böttcher, Violine
  • Linda Fichtner, Violine
  • Felix Korinth, Viola
  • Nikolaus Hanjohr-Popa, Violoncello
  • Anna Kirichenko, Klavier (linke Hand)

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